Konrad Lorenz
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* nicht der mit den Gänsen, der aus St. Pauli
   Rohrkrepierer
Rohrkrepierer
Konrad Lorenz
Rohrkrepierer
Eine Jugend auf St. Pauli

4. Auflage 2016
384 S., 7 Abb.
19,5 x 12,5 cm
ISBN 978-3-8378-2005-8
12.90 EUR
Das Buch

Hamburg-St. Pauli in der Nachkriegszeit. Der halbe Stadtteil besteht aus Ruinen. Das Betreten der Trümmer ist für Kinder streng verboten, aber so ist es doch mit allen Dingen, die Spaß machen. Kalle und seine Freunde wachsen zwischen Talstraße, Reeperbahn und Großer Freiheit auf. Sie erleben eine Stätte des Aufbruchs und der Überlebensstrategien in einer Welt von Spießbürgern, Seeleuten und Prostituierten. Die Väter fehlen, und die, die wiederkommen, sind kriegsgeschädigt – vor allem im Kopf. Die Mütter sind es, die den Kampf ums Überleben organisieren. Und die Kinder lernen auf der Straße, was ihnen in der Schule niemand erzählt. Sie rennen zur Mutprobe einmal pro Woche durch die Herbertstraße, trinken bei »Tante Hermine«, der ersten Szene-Kneipe in der Hafenstraße, ihre ersten Biere und wissen, dass man um Schläger wie Murksi, die Ratten in einem Ofenrohr krepieren lassen, lieber einen Bogen machen sollte. Als Kalle schließlich seine erste große Liebe auf der anderen Seite der Elbe trifft, bekommt er seine wichtigste Lektion: Dass es einhundertundacht verschiedene Möglichkeiten gibt, eine Hand zu nehmen.

Mit »Rohrkrepierer« hat Konrad Lorenz einen fesselnden und authentischen Roman über seine eigene Kindheit und Jugend bis 1962 geschrieben – und zugleich ein einfühlsames Porträt eines ganz besonderen Stadtteils vorgelegt. Im Anhang zeigen Originalfotografien die Personen und Orte, die im Buch verarbeitet wurden.

Pressestimmen

»Rohrkrepierer, eine Erinnerung an eine Kindheit und Jugend auf St Pauli, in der das Leben pulsiert, in der uns ein heute so ferner Alltag tatsächlich greifbar wird. Und die Momente fast unerträglicher Spannung birgt.«
(Hamburger Abendblatt)

»Der Hamburger Autor hat mit seinem autobiografischen Roman ein unsentimentales, von ur-norddeutschem Humor durchzogenes Buch geschrieben.«
(Die Welt)

»lustig und anrührend!«
(NDR Hamburg Journal)

»Dieser authentische Roman ist ihm zu einer farbigen, atmosphärisch dichten und fesselnden Geschichte geraten. Sie lässt das harte Leben nach Kriegsende sowie das sich bald neu entwickelnde ›Milieu‹ mit unendlich vielen schrägen Figuren lebendig werden.«
(Weser-Kurier)

»Lorenz tappt nicht in die Falle der Vergangenheitsbewältigung, die so gerne zuschnappt, sondern er hält fest, wie es für ihn war, mit wachsender Verve, je tiefer er sich in sein Leben hineinschreibt.«
(Welt am Sonntag)

»Als gebürtiger St. Paulianer verwundert es nicht, dass der Autor ein so scharfes Bild des St. Pauli der Nachkriegszeit zeichnen kann.«
(Hamburg-Web)

»Einzigartig ist nicht, was Lorenz erlebt hat, einzigartig ist aber, was er daraus geschaffen hat: eine schöne, flüssige, thematisch und spannungstechnisch pointierte Erzählung, die von jenem trockenen Humor durchsetzt ist, den der Hamburger vollendet beherrscht.«
(Culturmag)

Der Verlag

Edition Temmen
Mara Dobrindt
Tel.: 0421-34843-0
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Hohenlohestr. 21, 28209 Bremen
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Fotografien


Romanauszug ‚Rohrkrepierer’ S. 245

Gottes Mühlen mahlen langsam, aber jeder kommt mal ran.
Wenn es dann endlich soweit ist, stellt sich garantiert die Frage, ob die Liebe eine Rolle spielt. Und wenn ja, ob sie sich wie Sternenstaub auf dein Innerstes legt oder wie eine Granate in dein Dasein bohrt und alles auseinander reißt. Dann musst du das Puzzle, das dein Leben ist, neu zusammensetzen, weil du endlich weißt, wo die Sehnsucht hingehört, die immer so unhandlich am Rande rumgelegen hat.

Ich kann es kaum glauben und suche um fünf Uhr morgens auf dem ersten Dampfer von Altenwerder zurück nach Hamburg in einem Spiegel nach Beweisen. Ich kucke genau hin, ob sich auf meiner Stirn, an meinen Lippen, meiner Augenfarbe irgendwas, eine klitzekleine Veränderung ausmachen lässt. Da gibt es doch diese Geschichte, dass jemand vor Kummer über Nacht graue Haare bekommen hat. Weshalb sollte sich nicht auch bei einer so elementaren Erfahrung wie das erste Mal ein wissender Gesichtsausdruck oder ein ansteckendes Dauerlächeln in die Augenwinkel einschleichen?
Ich falle in die alte Gewohnheit zurück, ein Gesicht wie Errol Flynn zu machen oder die einseitig krause Stirn und das breite Grinsen von Clark Gable. Ja, ich bin jetzt ein Mann, ein Held, der Held der ersten Nummer. Ich befinde mich auf der Bordtoilette. Der Maschinentelegraf klingelt, sie gehen mit der Drehzahl runter.
Natürlich hätte ich schon in Altona aussteigen können, aber dort herrschte ein viel zu großes Gedränge. Neben auffallend wachen und lauten Menschen bevölkerten Hühner, Enten, ja, sogar Schweine das Schiff. Alle Formen von Karren, Bollerwagen und Fahrradanhängern mit Pflanzen, Früchten, Gemüsen und Wurstwaren wurden rumpelnd und fluchend über die Gangway an Land gezerrt. Heute Morgen ist Fischmarkt. Das ist für einen sensiblen Menschen nach der ersten Nummer seines Lebens ein viel zu großes Getöse. Also habe ich mich auf die Bordtoilette zurückgezogen. Der Dampfer beginnt jetzt mit der Drehung, um gegen die Tide an den Landungsbrücken festzumachen. Ich halte mich am Waschbecken fest.
Wenn ich an Anna denke, bewegt sich etwas in meinem Kopf, meinem Herzen und meiner Hose. Die Reihenfolge kann auch Herz, Hose, Kopf sein oder Hose, Kopf, Herz.
Der Unterschied zu vorher ist, dass es etwas Konkretes gibt, an das ich mich erinnern kann, das mich erregt, nicht so was Theoretisches wie die Hefte über Nacktkörperkultur, die ich unter den Hemden im Schrank meiner Eltern entdeckt habe oder das anatomisch zerlegbare Modell des weiblichen Körpers aus dem Ärzte-Buch meiner Großmutter. Ich habe Nacktkörperkultur praktiziert, und das war weit entfernt von den gewollt künstlerischen Nacktfotos oder der aufklappbaren Anatomie einer Frau, das war – Nacktkörperkultur pur, IHREN Körper riechen, anfassen und schmecken, oh Gott, ich habe ihren kleinen – festen – Busen – geküsst!

Die Maschine geht jetzt auf Stopp. Für einen kurzen Moment heult sie im Leerlauf auf, dann dreht sich der Propeller rückwärts.
„Kann denn Liebe Sünde sein?“ Clark Gable imitiert Zarah Leander bevor er aus dem Spiegel verschwindet.


Fotos (von oben):
Bei Tante Hermine
Mit dem Vater
Mit der Urgroßmutter
Mit der Klasse aus der Schule Taubenstrasse
Mit der Mutter
Mit der Großmutter
Mit dem “schönen Tier”
© Konrad Lorenz. Alle Rechte vorbehalten.